Der Gletscher von Plaine Morte: Eine Andere Zeit

1 Mai 2024

Die Plaine Morte ist ein unsichtbares Tal.

Isoliert, unbekannt, im Hochgebirge zwischen den Kantonen Wallis und Bern gelegen. Niemand hat sie je gesehen, ihre Hänge sind unzugänglich: Sie liegen unter dem Eis. Der grosse Plaine Morte-Gletscher nimmt das ganze Tal ein, wie eine riesige, kopfüber aufgeschichtete Eispyramide, vielleicht mit mehreren Spitzen, die gut versteckt sind. Aus diesem Grund bezeichnen ihn die Glaziologen als „Plateaugletscher“.


Legende und Wirklichkeit

Eine Walliser Legende besagt, dass die Plaine Morte, bevor sie wegen ihres feindlichen Eises so genannt wurde, eine so fruchtbare Weide war, dass die Kühe dort dreimal am Tag gemolken wurden. Diese Legende hat wohl keinen historischen Ursprung: Denn gemäss Geografen soll das Eis hier schon seit mindestens hunderttausend Jahren die Landschaft bedecken.

Aber ist die Legende vielleicht ... eine Vorhersage?






Veränderungen und Vorhersagen

Denn heute schmilzt die imposante Eismasse sehr schnell und immer schneller. Wird der Plaine Morte-Gletscher einer Alpwiese weichen? Oder gar einem See? Das unter dem Eis verborgene Relief wurde wissenschaftlich modelliert (siehe Abbildung): Drei tiefe Stellen könnten das Wasser zurückhalten und sich zu Seen ausbilden. Vielleicht.

Ganz genau: „Vielleicht“ ist der Name, den wir diesem imaginären, zukünftigen, wahrscheinlichen oder unwahrscheinlichen See gegeben haben. Der erste See in der Schweizer Geschichte, der getauft wird, bevor er überhaupt existiert. Denn, wenn uns die Idee gefällt, kann sie bereits zu leben beginnen in uns. Ein poetischer See.

Wer zum Plaine Morte-Gletscher hinaufsteigt, kann sich der dortigen Stimmung nicht entziehen. Unmittelbar am Ausgang der Station, auf dem grossen, langgestreckten Grat zwischen Nord und Süd, ist die Luft plötzlich leichter. Hier gibt es keine dramatischen hohen Klippen, keine „erhabenen Schrecken“, wie die Romantiker die zerklüfteten Berge der Alpen genannt haben. Es ist eine unermessliche Weite, die Sie erwartet. Eine Welt aus Gesteinen und Mineralien unter Ihren Füssen, den Kopf in den Himmel, weitläufig, weitsichtig auf alle umliegenden Gipfel.






Eintauchen in eine Andere Zeit

Und wie von der Luft, dem Stein und dem Himmel getragen, gleich ob es heiss oder kalt ist, herrscht hier eine Andere Zeit.

Die Zeit in der Plaine Morte ist anders. Ist es der etwas unheimliche Name, der auf den Ort abfärbt? Doch hier ist nichts Morbides zu finden: Der Wind und die Elemente sind immer in Bewegung, sehr lebendig, sehr belebend. Aber die Zeit hat hier eine andere Dimension und Bedeutung, ja sie wird fast greifbar.

Dieser Eindruck entsteht bereits, wenn man mit der Funitel auf den Gipfel fährt. Unter den langen Seilen der Bahn, rund um die zwischen Himmel und Erde schwebende Kabine, wechselt man plötzlich von der aufgeregten Zeit im Tal in die entschleundigende Zeit des Hochgebirges.

Dieser Eindruck verstärkt sich dann, wenn man sich vom Seilbahngebäude entfernt und nach wenigen hundert Metern den Gipfel mit seinem Wetterradar erreicht: Man lässt die Bergstation und seine Hektik hinter sich, der Berg öffnet sich in seiner anderen Zeitskala. Auf den Pfaden, die sich unter dem Gipfel durch die Berglandschaft winden und zum Gletscher führen, wird das Gefühl der Zeitlosigkeit noch stärker. In der Nähe des Gletschers wird sie dann fast greifbar: Alle entfernten Geräusche verschwinden, das Knirschen der Schritte auf dem Boden wird lauter. Und schliesslich, wenn man sich in der Mitte des Gletschers befindet (was man nicht allein und ohne geeignete Ausrüstung tun sollte), entsteht über dem kalten Boden ein faszinierender Moment des sprichwörtlichen Stillstandes. Man tritt in die Stille ein und die Zeit selbst scheint still zu stehen. Das himmlische Licht umhüllt alles, ist unsichtbar und dicht zugleich.








Es ist universell: Jeder Stein, jeder Kieselstein ist ein gewaltiges Kondensat der Zeit, Hunderttausende, manchmal Millionen von Jahren, die hier ruhig in der Handfläche liegen. In der zeitlosen Atmosphäre der Plaine Morte wird dieses Gefühl um ein Vielfaches intensiver spürbar.

Auf den ersten Blick wirkt die Landschaft trostlos und mondähnlich. Ein grauer, gleichförmiger Boden. Doch, wer ein wenig genauer hinschaut, wird eine faszinierende Vielfalt an Gesteinen, Formationen und sogar Farben entdecken: blaue, perlmuttartige Reflexe, ockergelb, kaffeebeige, rosafarbene Kristalle...

Es gibt auch diese kleinen, von Sedimentschichten durchsetzten Gesteine, die sich senkrecht vom Boden aufrichten, wie kleine, halb geöffnete Bücher. Weiter hinten gibt es grosse Platten, die aussehen, als wären sie von einem Handwerker bearbeitet worden. So gleichmässig wie ein Tisch, an den man sich setzen kann. Rau und weich zugleich. Vor kurzem wurden diese Gesteinsplatten auch zur Errichtung von „Cairns“ – zu deutsch „Steinmännchen“ – verwendet, den von Menschenhand geschaffenen Steinhaufen, die den Weg weisen. Wenn man zum Gletscher hinabsteigt, kommt man an langen Furchen vorbei, kristallinen Linien an der Oberfläche, schnurgerade, zwischen anderen dunklen Schichten zusammengepresst und die bald ein paar Schritte weiter aufgebrochen werden. Im Staub mischen sich Millionen von Jahren. Diese Zeitskalen in der stillen Abgeschiedenheit der Plaine Morte sind diese Andere Zeit, die auch durch die Cairns mit ihren uralten Formen auf dem „Wanderweg der Anderen Zeit“ symbolisiert wird.






Das Leben in den Tiefen des Gletschers

Und dann muss man sich diese fremdartige, unsichtbare und grösstenteils unzugängliche Welt vorstellen, die das Innere des Plateaugletschers bildet. Sie ist ein fabelhaftes Labyrinth aus Gängen, die das Wasser im Eis geschaffen hat: von unzähligen kleinen Rinnen bis hin zu einigen riesigen, senkrechten und majestätischen Höhlen.

Das Schmelzwasser fliesst zunächst unter freiem Himmel über die Gletscheroberfläche und gräbt sich in bläuliche Mäander. Dann verschwinden diese kleinen, leuchtenden Ströme plötzlich in wassergeformten Eisschächten unterschiedlicher Grössen, sogenannten Mühlen. Hier, ausserhalb unseres Blickfeldes, kann das Wasser in unsere Vorstellungskraft eindringen und beginnt eine geheimnisvolle und lange Reise: Es schlängelt sich durch die Gletschermasse, erodiert Eis und Stein, sucht immer wieder die Tiefe und hinterlässt gewundene Tunnel in allen Grössen. Niemand hat eine Karte dieses Tunnelsystems, umso weniger, als es sich ständig verändert und jedes Jahr anders ist.

An der Gletscheroberfläche bestehen die grössten Mühlen über mehrere Jahre hinweg als Portale in die Tiefe fort. Und doch gibt es nur ein paar Tage im Jahr, oft im Herbst, an denen sich das Wasser nicht in dröhnenden Kaskaden ergiesst und es einigen Spezialisten, Bergführern, Höhlenforschern und Glaziologen möglich ist, in die eisigen Abgründe hinabzusteigen.

Was sie dann entdecken, ist eine märchenhafte und zugleich bedrückende Welt mit allen Blau- und Grautönen des Himmels. Ein Universum, das vermeintlich für immer eingefroren ist und doch aussergewöhnlich lebendig, fragil, ja sogar flüchtig erscheint. Von der Kurzlebigkeit eines Schmelzwassertropfens bis zur für Menschen Beinahe-Ewigkeit einer mehrere zehntausend Jahre alten Eisschicht: alle Zeitskalen in einem Ort verdichtet, einer Anderen Zeit.

Der Grossteil dieses Wassers verlässt den Gletscher in Richtung Norden, nach Lenk-Simmental. Ein kleiner Teil taucht in Form von Quellen auf der Seite von Crans-Montana wieder auf. Und vielleicht wird es eines nicht allzu fernen Tages, wenn die Gletscher verschwunden sind, den See „Vielleicht“ speisen.

Dies ist eine Geschichte, die gerade beginnt. Oder vielmehr eine Geschichte, die seit Jahrtausenden andauert: Sie haben sie gerade erst angefangen zu lesen und zu betreten.








Praktische Informationen

Tauchen Sie auch in eine andere Zeit ein. Planen Sie, diesen aussergewöhnlichen Ort zu entdecken und den Wanderweg der Anderen Zeit zu erkunden.

Zugang zum Gipfel der Plaine Morte
Nutzen Sie die Violettes Express-Seilbahnen (Bushaltestelle: Crans-Montana, Télé Violettes), dann den Funitel Violettes-Plaine Morte. Rechnen Sie mit etwas mehr als 30 Minuten zwischen Crans-Montana und der Plaine Morte.

Daten und Öffnungszeiten
Entsprechend den Fahrplänen des Funitel Violettes - Plaine Morte

Tarife für den Zugang
Da die Plaine Morte sich auf fast 3.000 Metern Höhe befindet, ist ein "Zugang 3000m"-Ticket oder eine Tageskarte der Seilbahnen von Crans-Montana erforderlich.
Alle Tarife

Vorteilskarte My Explorer Card
Bei einem Aufenthalt von mindestens 1 Nacht in Crans-Montana erhalten Sie Ihre eigene My Explorer Card, mit der Sie (je nach Zeitraum) kostenlose oder ermässigte Tageskarten für die Seilbahnen erhalten.
Weitere Informationen und Gültigkeitsdauer der My Explorer Card